Tagungsbericht des 2. Bonner Symposiums:
Aktuelle Herausforderungen der Life Sciences

Verfasst von Christina Pinsdorf und Henning Wegmann

In Fortführung der im vergangenen Jahr begonnenen Tagungsreihe veranstaltete die Nachwuchsgruppe „Normierung in den modernen Lebenswissenschaften“ am 27. und 28. November 2008 im Rheinischen Landesmuseum in Bonn das 2. Bonner Symposium zum Thema „Aktuelle Herausforderungen der Life Sciences“. An beiden Tagen diskutierten mehr als einhundert Teilnehmer aktuelle Fragen aus drei Themenfeldern: Der Begriff und die praktische Umsetzung der Menschenwürde, die Entwicklung der Stammzellforschung - mit Ausblick auf die Chimären- und Hybridproblematik - sowie die Stellung von Patienten und Probanden in Forschung und Diagnostik.

Nach einer kurzen Begrüßung der Teilnehmer durch den Leiter der Nachwuchsgruppe, Dr. Dr. Tade Matthias Spranger, begann der Vortragsteil mit einem Überblick über „Menschenwürde und Bioethik“ durch den Direktor des IWE, Prof. Dr. Dieter Sturma. Dabei näherte er sich dem Würdebegriff über eine historische und systematische Analyse der vier europäischen Würdediskurse – Ebenbildlichkeitsdiskurs, humanistischer Sonderstellungsdiskurs, Selbstzweckdiskurs und Selbstachtungsdiskurs – und führte seine Gedanken weiter zu einem Konzept von Anerkennungsverhältnissen, die einen Würdediskurs im Raum der Gründe auch auf außermenschliche Natur anwendbar erscheinen lassen.

Anschließend stellte Prof. Dr. Matthias Herdegen (Bonn) in seinem Vortrag „Life Sciences und Menschenwürde“ die Menschenwürde als Begriff des positiven Rechts dar, der als archimedischer Punkt der deutschen und europäischen Werteordnung fungiert. Auf dem Hintergrund der Frage, ob über den Schutz und die Achtung des Einzelnen hinaus auch die Gattung Mensch als Schutzgut gelten kann, widmete er sich aktuellen Problemfeldern, wie etwa der Stammzellforschung, der in vitro Fertilisation, der Klonierung und der Bildung von Chimären. Generell warnte er vor einer Überlastung der Würdegarantie im Bereich der Life Sciences.

Einen eher analytisch geprägten Ansatz wählte Prof. Dr. Peter Kunzmann (Jena) in seinem Vortrag „Würde als Teil des biokonservativen Sprachspiels“, in dem er sich unter anderem für eine deutliche Trennung der Begriffe „Würde“, „Menschenwürde“ und „würdigen“ aussprach. In Anlehnung an das Modell der Schweizer Bundesverfassung solle die Würde schon jeder lebenden Kreatur, und nicht nur dem Menschen selbst zukommen. Aus der Eigenschaft der Kreatur, Schmerzen zu empfinden und leidensfähig zu sein, folge die Verpflichtung für den Menschen, diese Kreatur zu würdigen, das heißt ihr mit Respekt und Achtung zu begegnen und ihr möglichst kein Leid zuzufügen. Der Begriff der Menschenwürde hingegen sei speziell auf den Menschen zugeschnitten und daher nicht auf andere Lebewesen übertragbar.

Den zweiten Vortragsteil eröffnete Prof. Dr. Anthony Ho (Heidelberg) mit seinem Beitrag über „Stammzellforschung – Mythos und Realität“. Nach einer einleitenden Darstellung der Entwicklung der Stammzellforschung – angefangen mit der erstmaligen Verwendung des Begriffes im Jahr 1909 – referierte er aus medizinischer Sicht über die aktuellen Einsatzmöglichkeiten von Stammzellen. Dabei warnte er vor zu hohen Erwartungen an die Stammzellforschung in den nächsten Jahren, da die Vergangenheit gezeigt habe, dass selbst vermeintlich bahnbrechende Neuentdeckungen in diesem Bereich oft Jahrzehnte brauchten, um praxistaugliche Anwendungen zu generieren.

Dr. Tobias Cantz (Münster) stellte in seinem Vortrag „Embryonale und alternative pluripotente Stammzellen im Lichte der neuen Stichtagsregelung“ die derzeitige Lage im Bereich der Stammzellforschung nach der Änderung des Stammzellgesetzes im Mai diesen Jahres dar. Er verwies dabei auf erste sichtbare Auswirkungen der Neuregelung auf laufende Forschungsvorhaben und sprach sich ebenso wie sein Vorredner für eine kumulative Forschung an embryonalen und adulten Stammzellen aus.

Im ersten Vortrag des zweiten Veranstaltungstages behandelte Prof. Dr. Marcus Düwell (Utrecht) das Thema „Die Erzeugung von Chimären und Hybriden als Herausforderung für die Ethik“. Mit Blick auf die ethische Bewertung neu geschaffener Lebewesen untersuchte der Referent den moralischen Status auf der Basis einer Spender-Empfänger-Systematik. Liege der Spender im Fokus der Analyse, so sei ein Verbot schwierig zu begründen; sei jedoch der moralische Status des Empfängers entscheidend, kämen Probleme moralischer Achtung zum Tragen.

Prof. Dr. Rainer Schweizer (St. Gallen) behandelte in seinem Vortrag „Aktuelle Rechtsfragen der Forschung am Menschen in transdisziplinärer Sicht“. Als Ausgangspunkt der Überlegungen dienten dabei die jeweiligen einzelstaatlichen Regelungen zur assistierten Fortpflanzung. Dabei stellte der Referent als eines der zentralen Probleme fest, dass sämtliche Regelungen in diesem Bereich bereits vom Beginn der 1990er Jahre stammen, und daher oft nur noch beschränkt in der Lage seien, auf die aktuellen Rechtsfragen zu reagieren. Vor diesem Hintergrund und auf der Basis einer rechtsvergleichenden Analyse (Deutschland, Schweiz, Frankreich, Großbritannien, Schweden) sprach sich Prof. Schweizer für umfassende Gesetzesnovellierungen im Bereich der assistierten Reproduktion aus.

Prof. Dr. Elmar Doppelfeld (Köln) stellte in seinem Vortrag „Unterrichtung von Probanden/Patienten über Forschungsergebnisse“ zunächst die historische Entwicklung der Forschung am Menschen zu bloßen Heilzwecken bis hin zur Entwicklung des modernen informed consent dar. Dabei plädierte er unter anderem für das neu entwickelte Konzept eines open consent, welcher dann auch mehrere Forschungsvorhaben umfassen könne.

Abschließend behandelte Prof. Dr. Dr. Thomas Heinemann aus Bonn „Ethische Fragen im Zusammenhang mit Zufallsbefunden in Forschung und Diagnostik“. Zunächst zeigte der Referent die unterschiedlichen Kontexte auf, in denen Zufallsfunde auftreten können – ärztliche Diagnostik, Forschung und Lehre – und prüfte anschließend die, aus den spezifischen Verhältnissen resultierende, Legitimität der widerstreitenden Ansprüche.

Die Nachwuchsgruppe nimmt den anregenden Gedankenaustausch sowie das erfreuliche mediale Echo zum Anlass, die Veranstaltungsreihe auch im kommenden Jahr fortzusetzen.