Tagungsbericht des 3. Bonner Symposiums "Modern Neurosciences:
Chances and Barriers from an Interdisciplinary Perspective"

Verfasst von Christina Pinsdorf und Caroline Rödiger

Das Thema des diesjährigen Bonner Symposiums der Nachwuchsgruppe „Normierung in den modernen Lebenswissenschaften“, das am 19. November 2009 im LVR-LandesMuseum Bonn stattfand, lautete „Modern Neurosciences: Chances and Barriers from an Interdisciplinary Perspective“. Bei der englischsprachigen Veranstaltung diskutierten Mediziner, Philosophen, Psychologen und Rechtswissenschaftler über aktuelle Herausforderungen der modernen Neurowissenschaften.

Nach einer kurzen Einleitung durch den Nachwuchsgruppenleiter, PD Dr. Dr. Tade Matthias Spranger, unterschied Prof. Dr. Dieter Sturma in seinem Vortrag „The Ethical Challenge of Modern Neurosciences“ zwischen vermeintlichen und tatsächlichen Herausforderungen der modernen Neurowissenschaften. Er betonte, dass das Verhältnis zwischen Körper und Bewusstsein, das sogenannte psycho-physische Problem, nicht gelöst sei und eine Klärung allein durch Erkenntnisse der modernen Neurowissenschaften, die ihrerseits interpretiert und bewertet werden müssen, nicht zu erwarten sei. In diesem Zusammenhang sei es vormerklich Aufgabe der Philosophie, die semantische Achtsamkeit zu erhöhen und interpretatorische Grenzen aufzuzeigen. Unter ethischer Rücksichtnahme seien jedoch ohnehin die konkreten Anwendungsmöglichkeiten der modernen Neurowissenschaften für therapeutische Zwecke in den Vordergrund zu stellen.

Prof. Dr. Schläpfer (Bonn) ermöglichte durch seinen Vortrag “Deep Brain Stimulation for Neuro-psychiatric Indications - First Results and Ethical Implications” einen Einblick in das Verfahren der Tiefenhirnstimulation. Er stelle eine aktuelle Studie vor, die eine erfolgreiche Anwendung der Deep Brain Stimulation (DBS) bei schwerer, therapieresistenter Depression nachweisen konnte. Anschließend wandte er sich den, durch einen psychochirurgischen Eingriff aufgeworfenen, ethischen Fragen zu und verwies u.a. auf die bislang unzureichende Ausgestaltung des Informed-Consent-Modells. Insgesamt beurteilte Schläpfer die bisherige Entwicklung der DBS als äußerst beindruckend und sagte ihr eine vielversprechende Zukunft für den therapeutischen Sektor voraus.

Prof. Dr. Timothy Caulfield (Edmonton, Alberta) befasste sich in seinem Vortrag „Neuroscanning Research: Return of Results and Incidental Findings“ mit Rechtsfragen, die durch Zufallsfunde in bildgebenden Verfahren aufgeworfen werden. Hierbei ging er zunächst auf die Rahmenbedingungen in diagnostischen Untersuchungen und Forschungsstudien ein, in denen es zur Aufdeckung von Anomalien kommen kann. Er diskutierte, ob bestehende ethische Regulierungen auf bildgebende Verfahren angewandt werden können und ging dabei insbesondere auf den informed consent ein. Auch wenn grundsätzlich über die Möglichkeit von Zufallsfunden aufgeklärt würde, stünden bislang noch zu viele Fragen im Zusammenhang mit Zufallsfunden offen.

Dr. Nicholas Shackel (Cardiff, Wales) stellte eine grundlegende Untersuchung zu „Neuroscience of Moral Judgement and its Significance for Normativity and Law“ an. Shackel exemplifizierte anhand des “Trolley-Problems”, ein in der Moraltheorie bekanntes Gedankenexperiment, zwei verschiedene Theorien moralischen Urteilens – eine utilitaristische und eine deontoligische Argumentationsform. Unter anderem warf er die Frage auf, ob eine identische Handlung gemäß der moralischen Überzeugung der Person als falsch oder richtig beurteilt werden solle oder ob vielmehr eine transsubjektive moralische Wahrheit angenommen werden müsse.

In seinem Vortrag “On the Psychopathological Conception of Criminal Liability” befasste sich Prof. Dr. Saß (Aachen) mit der Überschneidung der medizinischen und der rechtswissenschaftlichen Disziplin durch Teilaspekte der Neurowissenschaften. Er erläuterte zunächst, nach welchen Kriterien in der Vergangenheit die Schuldfähigkeit im deutschen Strafrecht beurteilt wurde und ging unter Heranziehung verschiedener höchstrichterlicher Entscheidungen näher auf den Begriff der „Schuldunfähigkeit wegen seelischer Störungen“ in § 20 StGB ein. Der forensische Psychiater müsse die Persönlichkeit anhand verschiedener Faktoren, wie Herkunft oder Erziehung, untersuchen, um dem Gericht anschließend darzulegen, ob der Angeklagte „gesund“ oder „seelisch gestört“ sei.

Prof. Dr. Henrik Walter (Bonn) erläuterte innerhalb seines Vortrags „Neuroimaging in Forensic Psychiatry: A Neuroethical Perspective“ die Aufgabe des forensischen Psychiaters, über das Vorliegen einer mentalen Erkrankung zu urteilen. Die Einschätzung, ob eine Person schuldfähig sei oder nicht, hänge maßgeblich von ihren Fähigkeiten, ihr Handeln zu verstehen und ihr Verhalten zu kontrollieren, ab. Gemäß dem hier zu Grunde gelegten Konzept von „Freiheit“ verstehe er Freiheit als relativ, nicht absolut. Walter betonte, dass die Untersuchung mentaler Erkrankungen auf neurologische Ursachen hin in der medizinischen Praxis üblich sei und forderte eine obligatorische Durchführung der funktionellen Bildgebung, um Straftäter (mindestens bei Kapitalverbrechen) gegebenenfalls zu entlasten und ihnen medizinisch adäquat zu begegnen.

In ihrem Vortrag „The Question of Free Will and its Implications for Criminal Law“ verlieh Dr. Susanne Beck (Würzburg) ihrer Einschätzung Ausdruck, dass die durch neurowissenschaftliche Forschung gewonnenen Erkenntnisse die Philosophie und die Rechtswissenschaften gleichermaßen vor große Herausforderungen stellen. Sie diskutierte den Begriff der „Schuld“ in der Rechtsprechung und die Auswirkungen der Debatte über die Willensfreiheit für das deutsche Strafrecht. Beck plädierte im Ergebnis für eine Aufrechterhaltung des Konzepts des Schuldstrafrechts, wies aber eindringlich darauf hin, dass die Diskussion darüber, wie „frei“ der Wille tatsächlich sei und wofür Schuld getragen werden müsse, eine Fortsetzung verlange.

Prof. Dr. Tuija Takala (Helsinki, Finnland) zeichnete innerhalb ihrer Präsentation „Philosophical Issues in Neuroethics: Moral Responsibility“ die konzeptuelle und begriffliche Analyse als den wesentlichen Aufgabenbereich der philosophischen Neuroethik aus. Die philosophische Neuroethik sei eine fachübergreifende Disziplin, die neben wissenschaftstheoretischen und epistemologischen Fragestellungen auch Bereiche der Metaphysik, informalen Logik, sozialen und politischen Philosophie sowie der philosophischen Ethik umfasse. Besonders wichtig war Takala die generelle Annahme moralischer Verantwortung, da in ihr zu großen Teilen das Funktionieren unserer Gesellschaft und die Sinnhaftigkeit unseres Lebens verankert sei.

Prof. Dr. Penney (Edmonton, Alberta) behandelte in seinem Vortrag “Brain Imaging in Canadian Law” die Auswirkungen bildgebender Verfahren auf das kanadische Strafprozessrecht. Dabei ging er auf das Beweismittelrecht ein und diskutierte Vor- und Nachteile der Zulassung neurowissenschaftlicher Verfahren vor Gericht. Er zog Parallelen zur Lügendetektion und erläuterte mögliche Auswirkungen auf das Verhalten von Richtern und der Jury. Im Ergebnis sprach sich Prof. Dr. Penney gegen die Verwendung neurowissenschaftlicher Verfahren vor Gericht aus, da zu befürchten sei, dass sie mehr Schaden anrichten als Erfolge herbeiführen würden.

Als letzter Vortragende stellte Dr. Gardar Arnason (Helsinki, Finnland) im Rahmen seines Vortrags „Neuroimaging and Uncertain Behaviour: The Problem of Dispositions“ eine Auswahl historischer Fälle vor, in denen eine Schädigung des Gehirns ursächlich für amoralisches Verhalten gewesen ist. Im berühmten und gleichsam bedeutsamen Fall des Phineas Gage verblüffe die Tatsache, dass eine Läsion im orbifrontalen und präfrontalen Kortex keine Auswirkung auf die intellektuellen und motorischen Fähigkeiten des Betroffenen gezeitigt habe, gleichwohl jedoch zu einer erheblichen Persönlichkeitsstörung führte. Auch auf der Basis anderer Fälle zog Arnason den Schluss, dass bildgebende Verfahren zur Vermeidung ungerechtfertigter Strafen durch das Gericht bemüht werden sollten.

In der abschließenden Podiumsdiskussion wurden vorgenannte und weitere Aspekte der modernen Neurowissenschaften vertieft diskutiert.